Im Gespräch mit Giulia Rossetto vom Institut für Byzantinistik und Neogräzistik
Frau Rossetto, wie sind Sie auf die Idee gekommen, Byzantinistik zu studieren?
Giulia Rossetto: Das war schon ein langer Weg. Bereits in der Schule hatte ich großes Interesse für Archäologie und habe im Gymnasium an Ausgrabungen teilgenommen. Und ich hatte am Liceo Classico in Pordenone (Italien) eine sehr gute Altgriechisch-Lehrerin, die mit viel Enthusiasmus unterrichtet hat. Nach einer bronzezeitlichen Ausgrabung wurde mir dann klar, dass ich gerne etwas mit Sprache machen möchte, und zwar mit Objekten, die auch eine „Stimme“ haben. Und deswegen habe ich mich dann für das Studium der Klassischen Philologie in Padua entschieden, mit einem besonderen Interesse für Handschriften. Das war eben noch die Altphilologie. Aber im letzten Jahr meines Master-Studiums absolvierte ich ein Erasmus-Semester hier in Wien, und zwar nicht an der Klassischen Philologie, sondern am Institut für Byzantinistik und Neogräzistik, weil hier griechische Handschriften erforscht werden. In den meisten Fällen sind es die mittelalterlichen, von Byzantinern angefertigten Handschriften, die Werke der klassischen Antike (sowie des Mittelalters) überliefern. Und so bin ich hier an der Byzantinistik gelandet.
Was konkret begeisterte Sie damals an diesem Fach?
GR: Die Byzantinistik erforscht Byzanz. Das Byzantinische Reich, mit der Hauptstadt Konstantinopel, war im Osten die Fortsetzung des Römischen Reiches. Es bestand für ca. 1100 Jahre bis in das 15. Jahrhundert. Der Begriff „byzantinisch“ ist allerdings eine moderne Schöpfung, um eine Abgrenzung vom antiken, heidnischen, „römischen“ Reich zu schaffen. Die Einwohner selbst bezeichneten sich sehr wohl als Römer. Die byzantinische Kultur beruhte auf drei Pfeilern: dem Römischen Staatswesen, der antiken Bildung und der christlichen Religion. Die Byzantiner schrieben und kopierten viel, daher haben sie uns eine Vielzahl von Handschriften hinterlassen. Ich war fasziniert von der Vielfalt der Forschung, die damit möglich ist. Und ich habe hier gelernt, dass man die Handschriften selbst als archäologische Objekte betrachten kann, mit denen man die Geschichten der Menschen, die sie geschrieben haben, rekonstruieren kann. Das war für mich wirklich spannend, und daher habe ich begonnen, mich für Bücher, die damals im Alltag benutzt wurden, zu interessieren. Also nicht die prachtvollen Handschriften – mit Aristoteles oder Platon und mit Illuminationen –, sondern wirkliche Bücher, die von den Byzantinern täglich gelesen und benutzt wurden, zum Beispiel Texte mit Gebeten, Liturgien oder auch einfache Schulübungen. Diese Bücher sind vielfach nicht sehr schön, manchmal sogar richtig hässlich. Sie sind oft aus schlechtem Pergament gemacht und mit unordentlicher Hand geschrieben. Aber genau darum sind sie umso interessanter für mich, denn sie sind voll mit Geschichte. Besonders die Ränder sind voll mit Marginalien, also alltäglichen Notizen. Die Nutzer haben zu den Texten Notizen gemacht, etwas geändert oder hinzugefügt. Und sehr oft ist diese Art von Handschrift aus wiederverwendetem, also recyceltem, Material gefertigt. Es finden sich darauf auch Gebrauchsspuren wie etwa Wachstropfen. Aus all dem kann man Informationen über das Leben der Byzantiner gewinnen, Informationen über die Nutzer extrahieren und sammeln, die wir sonst nicht hätten, oder das Bildungsniveau der Schreiber erkennen. Die Handschriften sind nicht nur wichtig als Textträger, sondern als Objekte für die Sozialgeschichte.
„Hässliche Handschriften aus Papierkörben“
Beziehen sich diese Randnotizen immer auf den Inhalt des Textes?
GR: An den Texträndern liest man teilweise auch ganz andere Inhalte, die aber ebenfalls sehr interessant sind. Zum Beispiel notierten die Besitzer die Geburt ihres Sohnes oder ihrer Tochter. Damit gewinnen wir dann auch ein Datum und können diese Notizen und ihre Schreiberhände datieren. Auch Ereignisse wie eine Sonnenfinsternis oder meteorologische Informationen wurden hier festgehalten. Spannend sind auch Texte aus Regionen, in denen mehrere Sprachen gesprochen wurden. In Süditalien wurde etwa eine Zeit lang Griechisch und frühes Italienisch gesprochen. Solche Dialekte werden auch heute noch in Südapulien und Kalabrien gesprochen; sie sind eine Mischung aus Elementen des Altgriechischen, des byzantinischen Griechischen und des Italienischen. Oft sind mittelalterliche Handschriften, die in Süditalien angefertigt wurden, auf Griechisch geschrieben, während die Notizen dazu in einer anderen Sprache, z.B. Italienisch, verfasst sind. Das findet man etwa in liturgischen Büchern und es weist darauf hin, dass die Liturgie zwar auf Griechisch gefeiert wurde, die Hauptsprache der Gemeinde aber Italienisch war. Es gibt auch Texte, die mit griechischen Buchstaben geschrieben wurden, aber wenn man sie liest, klingt es nach dialektalem Italienisch und nicht nach Griechisch. Ein Beispiel zur Veranschaulichung: In der Handschrift Vat. Ott. Gr. 344 aus Otranto steht: „Ἴου τε βαττέτζου, ἰννόμε δε λοῦ πάτρε, ἐδδὲ λοῦ φίλιου, ἐδδὲ λοῦ σπίριτου σάντου α(μήν)“. Gelesen wird dieser Text „Iu te battezu, in nome de lu patre, ed de lu filiu, ed de lu spiritu santu amen“, zu Deutsch: „Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“ Diese Notizen beinhalten somit auch sehr viele Informationen über das Alltagsleben.
Womit beschäftigen Sie sich im Moment? Was sind Ihre aktuellen Forschungsthemen?
GR: Es geht noch immer in diese Richtung, also in Richtung „hässliche Handschriften“. Im Moment wühle ich sozusagen in sehr alten „Papierkörben“. Ich suche nach byzantinischen Schriftzeugnissen, die Menschen weggeworfen oder wiederverwendet haben. Das mag vielleicht ein bisschen seltsam klingen, aber früher hat man Schreibmaterial sehr oft wiederverwendet oder eben „recycelt“, besonders an Orten oder zu Zeiten, als es teuer war, neues Schreibmaterial herzustellen. Wenn man darüber nachdenkt, ist es heute gar nicht so anders: Auch wir verwenden zum Beispiel ein falsch bedrucktes Papier, um auf der Rückseite Notizen zu schreiben. Das passierte damals eben auch sehr oft. Papyrus, Pergament und Papier konnten wiederverwendet werden, und zwar nicht nur, um etwas zu überschreiben. Man findet zum Beispiel Papyrusfragmente mit Text auch als Papiermaché für Särge von Mumien, die sogenannte Cartonnage. Papierreste, insbesondere Reste von Urkunden, wurden auch als Füllmaterial für Kleidung verwendet. Zum Beispiel gibt es hier im Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek eine Mütze, die mit einer Makulatur aus arabischen Dokumenten gefüllt ist. Bei beschädigten Objekten, wie dieser Mütze, kann man das leicht erkennen; bei vollständig erhaltenen müsste man moderne Technologien für die Untersuchung nutzen, um das Objekt nicht zu beschädigen. Papyrus, Pergament und Papier alter Bücher konnten auch als Fragmente wiederverwendet werden, um neuere Bücher zu restaurieren. Am einfachsten war die Wiederverwendung von Pergament.
Wie genau sieht die Wiederverwendung von Pergament aus?
GR: Pergament ist in dieser Hinsicht besonders toll, weil man wirklich sehr viel damit machen und das Material bis zu dreimal wiederbenutzen konnte. Es besteht aus Tierhäuten und ist daher sehr widerstandsfähig. Pergament hat immer eine Haar- und eine Fleischseite, und schon bei der Herstellung hat man versucht, die beiden Seiten durch Abkratzen bzw. Abschaben einander anzugleichen, also eine ähnliche Farbe und Oberfläche zu erzeugen. Pergament konnte man recyceln, indem man die Tinte abgewaschen oder abgeschabt hat. Das Abwaschen funktionierte mit Wein oder Milch; mit Wasser klappte es nicht so gut. Und abgeschabt hat man das Pergament zum Beispiel mit Bimsstein. Ein solches wiederverwendetes und mehrfach beschriebenes Pergament nennt man Palimpsest. Der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet „wieder abgeschabt“, weil das Pergament bei der Herstellung und dann beim Prozess der Wiederverwendung abgekratzt wurde. Um diese Pergamente zu untersuchen, braucht man heute ein richtiges Team von Spezialist:innen – und das finde ich faszinierend! Es gefällt mir, in so einem Team von Spezialist:innen aus verschiedenen Disziplinen wissenschaftlich tätig zu sein.

© Damianos Kasotakis
Psychedelische Fotos byzantinischer Handschriften
Wie sieht diese Arbeit in einem großen Team dann konkret aus, und welche Aufgaben haben die einzelnen Spezialist:innen?
GR: Es handelt sich dabei um eine Zusammenarbeit von Geisteswissenschaftler:innen und Naturwissenschaftler:innen. In einem ersten Schritt werden die Handschriften kodikologisch untersucht: Man identifiziert die ausradierten Seiten und notiert, wie die ursprünglichen Blätter wiederverwendet wurden. Dann werden die Handschriften von Fotografen mit Multispektralanalyse aufgenommen: Man fotografiert die Handschriften mit unterschiedlicher Wellenlänge, von Infrarot bis Ultraviolett. Für Pergamentinschriften, die meist mit Eisengallus-Tinten ausgeführt wurden, ist Ultraviolett am besten; wenn wir einen Papyrus mit verwaschener Schrift fotografieren, ist Infrarot viel hilfreicher, weil diese Schrift mit Kohle-Tinte geschrieben wurde. Nach der Fotografie kommt ein Team von anderen Spezialist:innen, das die Bilder weiter bearbeitet, da es nicht ausreicht, einfach nur fotografisch zu dokumentieren. Man muss die Aufnahmen mit Algorithmen noch weiter bearbeiten; das sieht dann immer ein bisschen psychedelisch aus. Normalerweise haben wir die alte Schrift nicht in der Originalfarbe erhalten. In einem Beispiel haben wir den neuen Text (auf Arabisch) in Schwarz (Abb. 2). Unsere Spezialist:innen gaben dem unteren, eradierten, also gelöschten Text dann eine neue Farbe, sodass er besser lesbar wird. Der ältere griechische Text, die scriptio inferior, ist hier in Rot gekennzeichnet. Die Ausrichtung der beiden Texte muss nicht übereinstimmen, daher ist das Arabische in diesem Fall um 180 Grad gedreht, um den griechischen Text lesen zu können. Manchmal kommt auch die Tinte der Rückseite durch. Gerade am Anfang dieser Beschäftigung, wenn man sich noch nicht sehr gut mit Palimpsesten auskennt, glaubt man oft, dass es da noch einen weiteren Text gibt, doch das ist nur die von der anderen Seite durchscheinende Schrift. Wenn wir diese verbesserten Fotos dann haben, kommen Expert:innen für Paläographie und Philologie hinzu. Man identifiziert die Sprache der gelöschten Texte, datiert und lokalisiert die Schrift und entziffert und ediert die Texte.

© Katharinenkloster, Sinai, Ägypten
Was ist bei dieser komplexen Forschungsarbeit im Team Ihre Aufgabe als Byzantinistin?
GR: Ich habe als Doktorandin begonnen, in einem solchen Team unter der Leitung von Claudia Rapp und Michael Phelps zu arbeiten. Das Team beschäftigte sich mit den Palimpsesten des Katharinenklosters in Ägypten. Ich war Assistentin der Direktorin, und am Anfang war die kodikologische Beschreibung der Handschriften meine Aufgabe. Danach wurden mir auch griechische Texte zum Entziffern gegeben. Dabei interessierte ich mich auch für technische Aspekte, und so habe ich dann mit dem technischen Team zusammengearbeitet und konnte ein bisschen die fotografische Aufnahme lernen. Auch die Bildbearbeitung interessiert mich sehr, und deswegen habe ich diesen Arbeitsschritt bei meiner Dissertation über drei Palimpseste selbst übernommen. Auch jetzt noch mache ich die Bildbearbeitung weiterhin selbst, da dies für die Imaging Scientists, die normalerweise kein Griechisch oder andere alte Sprachen kennen und nicht wissen, was sie verbessern sollen, schwierig ist. Auch wenn all das immer im Dialog zwischen den einzelnen Wissenschaftsdisziplinen geschieht, fand ich, dass es schneller geht, wenn ich es selbst mache. Und man gewinnt so auch ein Verständnis dafür, wie es funktioniert. Das Sinai Palimpsests Project ist zwar bereits abgeschlossen, doch es gibt noch immer viel zu tun. Es wurden während des Projekts 74 Palimpseste untersucht. Wir haben dabei mehr als 300 Texte in vielen unterschiedlichen Sprachen identifiziert, aber noch nicht alle wurden ediert. Die meistens sind auf Griechisch verfasst, aber es gibt auch welche in Arabisch, Syrisch, Georgisch, Christlich-Palästinischem Aramäisch, Kirchenslawisch, Kaukasisch-Albanisch, Armenisch, Äthiopisch, Latein und auch ein koptisches Fragment. Und es gibt noch mehr als 100 Palimpseste, die noch nicht fotografiert wurden!

© Damianos Kasotakis
Was ist das Besondere an diesen Schrifttexten vom Katharinenkloster am Sinai?
GR: Da gibt es vieles! Man kann zum Beispiel neue Texte finden. Das ist mir vor einigen Jahren selbst passiert. Mir wurde ein Text gegeben, den sonst niemand untersuchen wollte, weil er nahezu unlesbar erschien. Also hieß es: „Okay, mach du das! Er ist sehr kurz, nur zwei Blätter, du kannst das schon!“ Und so begann ich, Wörter zu identifizieren wie „Dionysos“ und „Zeus“. Das war das erste Mal, dass in den Blättern der Palimpseste des Katharinenklosters Namen von Göttern der griechischen Mythologie auftauchen. Ich habe das dann entziffert und ediert – und der Text erwies sich als Fragment eines verlorenen Epos der Antike, der sogenannten „Orphischen Rhapsodien“. Wir wussten, dass dieses Epos existierte, kannten bis dahin aber nur Zitate in späteren Texten. Und dies war das bislang erste Fragment, auf dem Passagen daraus direkt überliefert sind. Das war ein sehr wichtiger Fund, und ich habe darüber einen Artikel publiziert, eine editio princeps. Das war damals eine große Sache, und danach wurde auch von Kolleg:innen sehr viel dazu geschrieben.
Byzantinische „Patchwork-Palimpseste“ in Klöstern in der Wüste
Was mich derzeit besonders interessiert, sind nicht nur die ausradierten Texte, sondern auch, auf welche Art und Weise das Pergament wiederverwendet wurde. Ich arbeite jetzt über eine Gruppe von Handschriften, die im Katharinenkloster am Sinai und in Mar Saba, einem Kloster in der Nähe von Jerusalem, beide in der Wüste, zwischen dem 9. und dem 10. Jahrhundert entstanden. Das Besondere an diesen Handschriften ist, dass die Schreiber viele kleine Pergamentstücke genommen und zusammengenäht haben. Diese Palimpseste werden daher „Patchwork-Palimpseste“ genannt; manche Kolleg:innen nennen sie auch „Monster“, aber das finde ich zu hart. Zuerst hatte ich nur eine solche Handschrift identifiziert, doch nach und nach fand ich immer mehr Beispiele davon, sodass ich bald merkte, dass „Patchwork-Palimpseste“ zu dieser Zeit etwas Typisches in diesen Klöstern in der Wüste waren: Schreiber, die auf Arabisch, Griechisch oder Georgisch schrieben, benutzten diese Technik, um Schreibmaterial herzustellen. Eine solche Handschrift wurde aus Pergament von teils mehr als 30 alten Büchern gemacht. Klar, Pergament war notwendig, doch sie hatten nicht viel davon.

© Katharinenkloster, Sinai, Ägypten
Welche Art von Büchern lässt sich in den „Patchwork-Palimpsesten“ identifizieren?
GR: Normalerweise wurden zur Tilgung Texte aus Kodizes genommen, also Bücher in der Form, wie wir sie auch heute kennen. Ich habe dann in einer dieser Handschriften aber einen bestimmten Text untersucht, der auf Griechisch verfasst wurde, und bemerkt, dass das Format sehr ungewöhnlich ist: Dieses Buch hatte nicht das übliche Format, sondern stammte aus einer Pergamentrolle. Pergamentrollen nutzte man in Byzanz, um sowohl Dokumente (wie etwa Chrysobulloi logoi, d.h. mit einem Goldsiegel beglaubigte Kaiserprivilegien) als auch liturgische Texte zu schreiben. Diese mittelalterlichen Pergamentrollen wurden vertikal ausgerollt. Die getilgte Rolle enthält einen liturgischen Text. Liturgische Texte gelten zwar als eher langweilig, aber bei diesem Text war es gar nicht so. Es handelt es sich um eine besondere Liturgie, und zwar die des heiligen Jakobus. Das ist eine Liturgie, die nur in Jerusalem und Umgebung benutzt wurde; wir können das also sehr genau verorten. Sie ist in einer lokalen Minuskelschrift geschrieben. Ich dachte mir, dass sie sehr alt aussieht, und habe versucht, noch ein bisschen mehr darüber zu erfahren. In einem Teil der Liturgie kann man tatsächlich die Namen der bis dahin verstorbenen Patriarchen von Jerusalem lesen. Deswegen lässt sich erschließen, wann die Rolle geschrieben wurde – bereits am Anfang des 9. Jahrhunderts, sicherlich vor dem Jahr 839. Das heißt, es handelt sich dabei um die früheste datierbare byzantinische Handschrift, die wir kennen, die in einer lokalen Minuskel geschrieben ist. Die älteste datierte byzantinische Handschrift, die wir kennen und die in allen Paläographiehandbüchern erwähnt wird, stammt aus dem Jahr 835. Unsere Rolle könnte sogar noch älter sein! Das ist sehr bedeutsam für die griechische Paläographie und für die Byzanzforschung generell. Und das ist nur ein Beispiel. Wir besitzen Hunderte von solchen Texten. Es gibt also noch so viel zu tun!
„Paläographie bringt uns das Individuum näher“
Weil Sie sich auch intensiv mit Paläographie beschäftigen: Was kann Paläographie alles?
GR: Paläographie erlaubt zum Beispiel Einordnungen von Zeit und Ort. Im Fall dieser eben erwähnten Handschrift ist es so, dass sie in einer besonderen Schriftart geschrieben wurde, und zwar in einer “hagiopolitischen Minuskel“. Dabei handelt es sich um eine Schrift, die nur in Palästina, Sinai und Syrien verwendet wurde. Bisher kannten wir nur wenige Beispiele dieser Schrift, und keines davon ist fix datiert. Wir wussten also nicht genau, in welchem Zeitraum sie verwendet wurde. Nun besitzen wir eine Quelle mit einem klaren Datum, was sehr hilfreich ist. Manchmal – besonders bei Palimpsesten – stoßen wir auf Schriftarten, die wir noch nicht gut kennen. Paläographie kann uns aber etwa auch Informationen zum Ausbildungsniveau der Schreiber liefern.
Durch paläographische Untersuchungen kommt man also auch dem Individuum näher.
GR: Ja genau! Wenn wir ein Kolophon, eine Subskription, also einen Schlussvermerk, haben, können wir den Namen des Individuums erkennen und wissen dann, welchen Beruf er oder sie ausgeübt hat. Zum Beispiel, ob der Text von einem Mönch, einem Priester oder einem Notar verfasst wurde. Oder war die Person vielleicht ursprünglich ein Notar und wurde später erst ein Mönch? Man kann so teils auch die Karriere der Person rekonstruieren. Mit griechischen Handschriften gelingt das im Vergleich zu anderen Handschriften, wie zum Beispiel armenischen oder georgischen Handschriften, leider nicht so oft. Aber auch ohne Namensnennung können wir teils erkennen, wenn zwei oder drei Handschriften von derselben Hand, also derselben Person, stammen.
Was erachten Sie als besonders markanten Aspekt bei Ihrer Arbeit in der Byzantinistik?
GR: Wann immer ich an einem neuen Palimpsest arbeite, fühle mich wie eine Detektivin. Ich habe ja zunächst keine Ahnung, was ich darin finden werde. Es ist immer eine Überraschung! Und dann verbringe ich auch Tag und Nacht damit, wie ich das herausfinden könnte. Meine Identifizierung der „Orphischen Rhapsodien“ war bis jetzt vielleicht meine wichtigste Entdeckung, aber man stößt immer wieder auf Neues, wie auch jetzt eben, bei dieser liturgischen Schriftrolle, von der ich eben erzählt habe. Derzeit arbeite ich auch an einem Palimpsest, das das Inventar einer byzantinischen Bibliothek enthält. Ich bin derzeit noch bei der Transkription und kann noch nicht sagen, um welche Bibliothek es sich dabei handelte. Doch ich kann bereits erkennen, dass die Buchtitel von unterschiedlichen Händen geschrieben wurden. Es gibt mehr als 100 Titel, und es muss sich um eine sehr alte Bibliothek handeln, also aus dem 8. oder 9. Jahrhundert, wahrscheinlich eine Klosterbibliothek.
Sie haben zunächst eine klassische Forscher:innen-Karriere eingeschlagen. Wie bringen Sie Ihre Forschungserfahrung in die Lehrveranstaltungen hier am Institut der Uni Wien ein? Und umgekehrt: Wie profitieren Sie von den Studierenden für Ihre Forschungsarbeit?
GR: Mir liegt die Lehre sehr am Herzen. Ich versuche, meine Lehrveranstaltungen betont praxisnah zu gestalten und Einblicke in die neuesten Forschungsentwicklungen zu geben. Beim Unterricht der Geschichte des byzantinischen Buches, also der Kodikologie, oder der Paläographie sehe ich, dass die Studierenden es schätzen, wenn sie mit Objekten, mit echten Quellen, arbeiten können. Ich versuche, meine Lehrveranstaltungen so oft wie möglich in der Handschriftensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek zu halten. In der Kodikologie haben meine Studierenden am Ende auch wirklich eine echte Handschrift von Anfang bis Ende beschrieben, worauf sie ganz stolz waren. Sie können also ein Gefühl dafür bekommen, was Forschen bedeutet. Da ich auch großes Interesse für den technischen Teil, also ein bisschen in Richtung Digital Humanities, habe, halte ich gelegentlich auch Kurse zu Digital Methods für Byzantinist:innen. Da habe ich Unterschiedliches behandelt, nicht nur Multispektralaufnahmen oder Bildbearbeitung, sondern auch Allgemeines über den digitalen Bereich der Arbeit in der Byzantinistik, wie Datenbanken. Am Anfang dachte ich, dass die Studierenden das heute schon kennen würden, aber dem ist nicht immer so. Besonders jüngeren Studierenden ist der Unterschied zwischen dem, was in der Bibliothek und in Datenbanken aufgezeichnet ist, und dem, was sie einfach mit einer Google Suche finden können, oft nicht klar. Ich halte es daher für wichtig, den Studierenden auch diese Grundlagen zu vermitteln.
Wie kann man als Byzantinist:in heute von den digitalen Methoden konkret profitieren?
GR: Palimpseste, zum Beispiel, könnten wir ohne digitale Methoden gar nicht lesen. Bis ins 20. Jahrhundert haben Philologen diese Texte mit Tinkturen (z.B. die sogennante „Giobertis Tinktur“) behandelt, um sie lesbar zu machen: Mit einem Pinsel wurde eine chemische Lösung auf den Text aufgetragen. Diese Lösung war durchsichtig und hat dafür gesorgt, dass die ausradierte Schrift wieder lesbar wurde. Das hat zwar funktioniert, doch wurden die mit Chemikalien behandelten Handschriften dadurch völlig zerstört, und wir können damit heute nichts mehr anfangen. Das Pergament hat über die Zeit hinweg so stark auf die Lösungen reagiert, dass diese Handschriften komplett schwarz oder blau wurden. Digitale Methoden hingegen sind nicht invasiv, das heißt, sie schaden der Handschrift nicht.
Welche Sprachen sollten Byzantinist:innen heute beherrschen?
GR: Am wichtigsten ist noch immer Griechisch; das ist die Basis. Latein wäre auch wünschenswert. Aber die neue Tendenz, die sich in der Byzantinistik etwa in den letzten zehn Jahren entwickelt hat, geht dahin, dass Byzantinist:innen nun auch andere Sprachen des christlichen Orients lernen sollten, wie zum Beispiel Arabisch, Georgisch oder Armenisch. Das ist wichtig, um die gesamte byzantinische Welt zu verstehen. Wir haben am Institut jetzt verstärkt Kolleg:innen, die mit Quellen in anderen Sprachen arbeiten, die in der Byzantinistik bisher kaum behandelt wurden. Und natürlich dürfen wir auch die modernen Sprachen nicht vergessen, die man zum Lesen der vorhandenen Sekundärliteratur benötigt: Italienisch und Französisch sind hierfür sehr wichtig.
Tendenzen der Verbreiterung des Faches: „Byzantium beyond Byzantium“
Können Sie uns noch ein bisschen mehr zu dieser neuen Richtung oder Spezialisierung in der Byzantinistik sagen?
GR: Ich würde es einerseits als Spezialisierung, aber andererseits auch als Verbreiterung des Faches bezeichnen. Bis vor einigen Jahren umfasste die Byzantinistik Spezialisierungen wie die Geschichte der byzantinischen Sprache und Literatur, Paläographie, Diplomatik (Urkundenlehre) und Sigillographie (Siegelkunde). Im Mittelpunkt stand dabei die Hauptsprache des Reiches: Griechisch.. Das Spektrum hat sich seither verbreitert, weil immer mehr Kolleg:innen mit mehreren Sprachen arbeiten, also nicht mehr nur mit Griechisch allein. Zum Teil sind das sehr große Projekte, die dann Byzanz im Vergleich oder im Dialog mit anderen Kulturen betrachten. So werden heute zum Beispiel die Beziehungen mit dem Kaukasus, China oder Japan erforscht. Byzanz wird nicht mehr nur als das „geschlossene System“ des Reiches selbst behandelt, sondern über seine Grenzen hinaus. Das ist etwa sehr schön zu sehen am Titel des diesjährigen Internationalen Kongresses für Byzantinistik, der im August 2026 in Wien stattfindet. Dieser lautet „Byzantium beyond Byzantium“. Daran kann man gut erkennen, in welche Richtung sich das Fach bewegt. Allerdings dürfen wir die Grundlagen nicht aus dem Blick verlieren: Das Griechische bleibt zentral, und mit den griechischen Quellen ist noch sehr viel zu tun, wie auch die neuen Entdeckungen in den Palimpsesten zeigen.
Als neue Form der Spezialisierung könnte man auch mein Arbeitsgebiet sehen, in dem die Handschriften nicht nur als bloße Schriftträger verstanden werden, sondern als Objekte, als Teil der materiellen Kultur, um die Sozialgeschichte des Byzantinischen Reiches zu rekonstruieren. Auch diese Herangehensweise ist relativ neu und hat sich ebenfalls erst im letzten Jahrzehnt entwickelt.
Seit 1980 trägt Ihr Institut an der Universität Wien den Namen Institut für Byzantinistik und Neogräzistik. Inwieweit profitieren Sie für Ihre Forschungsthemen von der Zusammenarbeit mit der Neogräzistik?
GR: Ich finde es sehr wichtig, dass die beiden Fächer hier zusammen sind. Ich persönlich profitiere besonders von der Diskussion mit den Kolleg:innen, speziell um die Geschichte des griechischen Buches als Kontinuum von der Antike bis heute zu verstehen. Die griechische Paläographie, die ich dieses Jahr unterrichte, wird angeboten für Byzantinist:innen und Neogräzist:innen. Wir beginnen auch hier im Unterricht in der Spätantike und gehen dann bis in die heutige Zeit, denn man kann die griechische Paläographie nicht mit 1453 enden lassen. Zum Beispiel liegt bei uns am Institut eine Handschrift aus dem 18. Jahrhundert vor, die Kopien antiker und mittelalterlicher Texte enthält, darunter auch neuere, von einem Italiener auf Griechisch und Italienisch verfasste Briefe. Diese Handschrift war zudem Teil einer Ausstellung an der Universität Wien, und wir überlegen derzeit, gemeinsam mit Kolleg:innen aus der Neogräzistik ein Projekt zu dieser Handschrift auf die Beine zu stellen.
In Bezug auf das gerade erwähnte Kontinuum und die Wiederverwendung von Schriftquellen habe ich mit meiner Kollegin Krystina Kubina übrigens eine Sonderausstellung im Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek unter dem Titel „Spurensuche Byzanz. Fragmente des Griechischen Mittelalters“ organisiert. Die Ausstellung ist seit letzter Woche, also ab 11. Juni 2026, für ein Jahr geöffnet und dreht sich um Fragmente sowie die Frage, wie Texte der Antike und des Mittelalters auf uns gekommen sind. Interessierte können hier Fragmente von Palimpsesten sehen und auch die Wiederverwendung von alten Büchern, zum Beispiel zur Restaurierung von neuen Büchern oder als Füllmaterial wie im Fall der zuvor beschriebenen Mütze.
Frau Rossetto, wir danken für das Gespräch.
Das Interview führten und bearbeiteten Fritz Blakolmer und Constanze Seuchter.
Lesetipps:
Ch. Gastgeber, Byzantinische Soziographik. Der griechische Schreiber und seine Handschrift, Baden-Baden 2024.
W. Noel – R. Netz, Der Kodex des Archimedes: Das berühmteste Palimpsest der Welt wird entschlüsselt, München 2010.
G. Rossetto, Fragments from the Orphic Rhapsodies? Hitherto Unknown Hexameters in the Palimpsest Sin. ar. NF 66, Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 219 (2021), 34–60.
G. Rossetto, Vom Mistkübel ins Regal: Wiederverwendung in der byzantinischen Buchkultur, in: K. Kubina – G. Rossetto (Hrsg.), Spurensuche Byzanz. Fragmente des Griechischen Mittelalters, Wien 2026, 25–37.

Dr. Giulia Rossetto ist Universitätsassistentin Postdoc am Institut für Byzantinistik und Neogräzistik der Universität Wien. Ihre Forschungen konzentrieren sich auf Paläographie und Kodikologie der byzantinischen Handschriften, griechische Palimpseste des Katharinenklosters (Sinai), die Schriftkultur in den Provinzen und byzantinische Gebetbücher.


