16. März 2026

„Zur Spurensicherung in Ägypten“

Elisabeth Kruck: Ursprünglich wollte ich Kriminalkommissarin werden und war dafür bei der Berufsberatung. Dort wurde mir mitgeteilt, dass ich dafür zu klein wäre und zu schlechte Augen hätte. Damit war dieser Berufswunsch hinfällig. Da ich mich schon immer für Geschichte interessiert habe, habe ich mir daraufhin überlegt, was ich damit machen könnte. Mein Vater ist Theologe, und als ich bei ihm in der Bibliothek „rumgekramt“ habe, fand ich ein Buch des Ägyptologen Jan Assmann mit dem Titel „Stein und Zeit“. Da las ich in einer Fußnote: „Archäologie hat es als Wissenschaft mit den Spuren zu tun. Sie ist in methodischer Hinsicht Spurensicherung“. Das hat mich gepackt! Daher habe ich mich informiert, welche unterschiedlichen archäologischen Richtungen es gibt. Bei uns in der Schule in Hessen hat die Klassische Archäologie, also Griechen und Römer, einen sehr großen Raum eingenommen, was ich insofern schade fand, als Ägypten oder Mesopotamien dabei zu kurz kamen. Gerade das hätte mich aber mehr interessiert. Deswegen habe ich schließlich im Hauptfach Ägyptologie studiert und im Nebenfach Vorderasiatische Archäologie, später, nach ein paar Umwegen, auch Altorientalische Philologie. Am Anfang fand ich es toll, ägyptische Hieroglyphen zu lernen und mich mit der Philologie auseinanderzusetzen. Aber so richtig gepackt hat es mich, als ich zum ersten Mal für eine Exkursion der Vorderasiatischen Archäologie im British Museum in London war. Wir durften ins Depot gehen und uns all die Objekte ansehen. Es gab Rollsiegel, die wir selbst abrollen durften. Mit den Objekten zu arbeiten, sie in der Hand zu halten, hat mich wirklich fasziniert. Und danach steigerte sich meine Begeisterung natürlich noch mehr, als ich zum ersten Mal in Ägypten war und in Dra‘ Abu el-Naga mitgearbeitet habe.

EK: In meinem vierten Semester habe ich angefangen, in Dra‘ Abu el-Naga als studentische Hilfskraft zu arbeiten. Ursprünglich hatte ich mich bei der Grabung in Asyut beworben, weil ich in Mainz studiert habe und zu dem Zeitpunkt dort erste Surveys von der Johannes Gutenberg-Universität durchgeführt wurden. Da aber nur eine sehr begrenzte Anzahl an Studierenden an dieser Grabung teilnehmen konnte, wurde mir vorgeschlagen, meine Bewerbung an das Deutsche Archäologische Institut Kairo (DAIK) an Daniel Polz weiterzureichen, weil man studentische Mitarbeiter:innen oder Hilfskräfte suchte. Und so bin ich nach Dra‘ Abu el-Naga gekommen.

EK: Während meines Ägyptologie-Studiums in Mainz habe ich an Grabungen des DAIK teilgenommen, war sehr oft in Ägypten auf Grabung und habe parallel mit meiner Dissertation begonnen, für die ich ein Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes erhielt. Aber wie das manchmal so ist, war meine Dissertation am Ende des Stipendiums noch nicht fertiggestellt. Das hat dazu geführt, dass ich mich nach einer Alternative umsehen musste. Zu diesem Zeitpunkt wurde eine Stelle als wissenschaftliche Prae-doc-Mitarbeiter:in an der Freien Universität (FU) in Berlin ausgeschrieben, auf die ich mich beworben habe. So bin ich dann zunächst an die FU gegangen und habe weiter meine Dissertation verfolgt. Ich habe in Berlin gearbeitet, aber in Mainz meine Promotion abgeschlossen. Im Anschluss daran war ich noch vier Jahre als Post-doc an der FU beschäftigt. Da war ich vor allem in der Lehre tätig und habe am Sonderforschungsbereich „Episteme in Bewegung“ zu Wissensbewegungen und Texttransfer mitgearbeitet. Gerade die Lehre hat mir sehr große Freude bereitet, ich lehre unglaublich gerne. Nach dem Wissenschaftszeitgesetz in Deutschland hatte ich zwar noch ein bisschen Zeit übrig, aber als die Post-doc-Stelle mit archäologischem Schwerpunkt hier in Wien ausgeschrieben wurde, war es sehr reizvoll, mich im Rahmen einer vollen Stelle wieder mehr der Feldforschung widmen zu können.

EK: Studierende und grundsätzlich andere Personen für die Ägyptologie zu begeistern und die Faszination dafür mit ihnen zu teilen. Ich finde es spannend, die unterschiedlichen Quellen kritisch zu betrachten, miteinander in Verbindung zu bringen und einen gemeinsamen Kontext herzustellen. Und kritisch zu hinterfragen: Wo kommt das her, wie hängt das zusammen, welche Personen sind damit verbunden? Es macht mir Spaß, auch anderen diese Perspektive auf Quellen näher zu bringen.

Austrofaschismus, Nationalsozialismus und die Wiener Ägyptologie

EK: Kürzlich habe ich ein Forschungsprojekt im Bereich der Wissenschaftsgeschichte zur Biografie des Wiener Ägyptologen Heinrich Balcz eingereicht. Balcz hat in Wien studiert, war ab der Institutsgründung im Jahr 1923 hier wissenschaftlich tätig und hat dabei intensiv mit Hermann Junker, dem Gründer und damaligen Vorstand des Instituts für Ägyptologie und Afrikanistik, zusammengearbeitet. Balcz hatte einen archäologischen Schwerpunkt, aber auch einen kunstgeschichtlichen; ich möchte sogar fast behaupten, dass er in der Ägyptologie der erste Kunstgeschichtler hier in Wien war. Er hat eine sehr spannende Biografie und war in der Zeit des Austrofaschismus und Nationalsozialismus an der Uni Wien tätig. Dabei gehörte er zum ‚Mittelbau‘ und hatte daher eine andere Rolle als die Institutsleitung und deswegen auch nochmal eine ganz andere Perspektive auf das wissenschaftliche Arbeiten, die Lehre und die Institution. Wir haben hier im Archiv in der Sammlung unseres Instituts einen sehr umfangreichen Nachlass von ihm. Leider ist Balcz im Krieg verschollen und wurde 1945 für tot erklärt. Aber wir besitzen viele Quellen, auch über seine Lehrtätigkeit. Zum Beispiel hat er eine Reihe von Lehrmanuskripten hinterlassen. Das Besondere ist, dass wir nicht nur seine Skripte haben, sondern zum Teil auch Mitschriften von Studierenden, sodass es zwei Blickwinkel auf seine Lehrtätigkeit gibt. Natürlich existieren auch Bilder von Ausgrabungen und unpublizierte Artikel, die er schon vorbereitet hatte. Balcz war auch Teil der sagenumwobenen Totenbuchrunde. Ich konnte seinen Sohn, der heute in Dornbirn lebt, ausfindig machen. Dadurch konnte ich mir auch zahlreiche Quellen aus dem persönlichen Nachlass von Heinrich Balcz in dessen Besitz ansehen. Das ist ein Forschungsschwerpunkt, mit dem ich mich aktuell beschäftige, und auch eine Möglichkeit für meine zukünftige Forschung: die Biografie von Balcz, diese Zeit der Wiener Ägyptologie und damit verbunden natürlich auch die Wiener Schule der Ägyptologie.

Selbstportrait von Heinrich Balcz (1922).
© Elisabeth Kruck

EK: Totenbuchrunde nannte sich eine Gruppe von Personen, die in Wien in regelmäßigen Treffen das altägyptische Totenbuch – eine Sammlung religiöser Texte – übersetzt haben. Sie hat aber eigentlich keine Veröffentlichungen hinterlassen. Wenn man heute in die Publikationen zum Totenbuch blickt, spielen Wien oder die Wiener Ägyptologie keine große Rolle. Aber hier im Archiv zeigen uns Quellen, dass bereits enorm viel vorbereitet war, auch zur Publikation. Dazu ist es aber einfach nicht gekommen. Einerseits fehlten Personen wie Heinrich Balcz, der in den Krieg ziehen musste, und andererseits die Mittel. Es gab tatsächlich schon Vertragsvorbereitungen mit einem Verlag für die Publikation, die dann aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr umgesetzt werden konnte. Deswegen wird diese Totenbuchrunde in eine Randposition gedrängt. Wie wissenschaftlich diese Personengruppe, die das Totenbuch übersetzt hat, vorging, und wieviel zur Vorbereitung der Publikation bereits getan worden war, war bisher nicht möglich zu sehen. Auch die Orte der Treffen der Totenbuchrunde sind besonders: Zum Beispiel fanden sie teils in der Villa Stonborough (Haus Wittgenstein) statt. Das ist kein Rahmen, in dem man die Vorbereitung wissenschaftlicher Publikationen erwartet. Es waren auch nicht nur Wissenschafter:innen der Universität Wien beteiligt, sondern auch interessierte Privatpersonen.

Archäologische Aufarbeitung in el-Sheikh Fadl

EK: Einer der Gründe, die mich nach Wien gezogen haben, war die Möglichkeit, an dem Projekt in el-Sheikh Fadl mitzuwirken und damit zum ersten Mal in Mittelägypten archäologisch tätig zu sein. Meine bisherigen archäologischen Erfahrungen in der Ägyptologie waren sehr ‚Theben-lastig‘. Seit 2014 arbeitet die Universität Wien in el-Sheikh Fadl. Seither wird diese Nekropole unter der Leitung von Frau Prof. Köhler ausgegraben, wobei eine Vielzahl an spätzeitlichen Gräbern (ca. 5. bis 4. Jh. v. Chr.) zu Tage gekommen ist. Dazu haben wir Grabbeigaben und Grabausstattung, wenn auch in sehr kleinteiligem und schlechtem Erhaltungszustand. Und zu einer Nekropole gehört natürlich auch eine Siedlung. Jetzt stellt sich die Frage: Wo war die Siedlung? Wo lebten die Personen, die sich in der Nekropole von el Sheikh-Fadl bestatten ließen? Wir wissen, dass es dort Siedlungen gab und kennen deren Namen, z.B. Henu, Input oder Hardai, aus Textquellen. Aber wo genau diese Siedlungen gelegen sind, wissen wir einfach nicht. An dieser Stelle wäre es sehr spannend, mit einem neuen Projekt anzusetzen. Durch verschiedene Schwierigkeiten mit Blick auf die ‚Security‘ und die Genehmigungen vor Ort war es mir erst letztes Jahr möglich, zum ersten Mal tatsächlich nach el-Sheikh Fadl zu fahren, und diesen Aufenthalt habe ich als sehr positiv empfunden. Dazu zählt auch die Erfahrung, Studierende, die ich hier in der Lehre kennengelernt hatte, auf die Grabung mitzunehmen, und das, was wir vorher im Unterricht in der Theorie besprochen hatten, gemeinsam mit ihnen im Feld durchzuführen.

Blick auf die Nekropole el-Sheikh Fadl – Umm Raqqaba.
© Middle Egypt Project el-Sheikh Fadl, Foto: Elisabeth Kruck

EK: Grabungen sind immer mit Genehmigungen vor Ort verbunden. Man braucht eine Arbeitsgenehmigung, eine Konzession, um einen bestimmten Platz oder eine Ausgrabungsfläche überhaupt erfassen oder bearbeiten zu dürfen. In Ägypten gibt es zudem die ‚Security‘, die sich auf die Personen bezieht, die auf der Ausgrabung arbeiten werden. Lebenslauf und Daten jeder dieser Personen werden vorher von den ägyptischen Stellen überprüft. Das ist ein administrativer Akt, an dem das ägyptische Ministerium für Tourismus und Altertümer und das Supreme Council of Antiquities beteiligt sind und der nicht immer einfach ist und auch nicht immer ganz flüssig läuft. In meinem Fall hat es leider dazu geführt, dass ich zwei Kampagnen nicht vor Ort sein konnte, weil ich als Person mit dem Ort el-Sheikh Fadl noch nicht in Verbindung stand.

EK: Die Kampagne 2025 war eine sogenannte Aufarbeitungskampagne. Wir haben uns vor allem mit dem Material beschäftigt, das in der Vergangenheit im Rahmen der Grabung zu Tage gefördert worden ist. Das befindet sich vor Ort in einem Magazin, das extra für die Fundobjekte gebaut wurde. Unsere Aufgabe, gemeinsam mit den Studierenden, war es, diese Objekte weiter aufzunehmen. Dazu gehört, dass die Funde beschrieben, gezeichnet und vermessen werden, sodass für jedes Fundobjekt ein entsprechendes Datenblatt existiert. Die Objekte bleiben vor Ort in Ägypten, aber die Datenblätter können wir mitnehmen und hier dann damit arbeiten, also die Auswertung und weitere Interpretation dieser Funde und deren Kontexte vornehmen. Der Tag in Ägypten beginnt früh, weil wir natürlich in der sehr begrenzten Zeit, die wir vor Ort sind, so viel wie möglich schaffen wollen. Wir sind in der Früh immer um 6.30 h losgefahren; um 7 h haben wir im Magazin begonnen und bis 16 h gearbeitet. Dabei haben wir versucht, so viele Objekte wie möglich zu erfassen. Der Tag verläuft relativ monoton. Man nimmt sich ein Objekt nach dem anderen vor, das man anschaut, analysiert, beschreibt, vermisst, zeichnet und fotografiert. Im letzten Jahr haben wir wegen der Frage, wo die zu dieser Nekropole gehörende Stadt hätte sein können, auch einige Exkursionen unternommen, um nachzusehen, wo sich in der Nähe Siedlungshügel befinden.

„Ich kann den Personen näherkommen, die hinter den Objekten stehen.

EK: Viele! Aber besonders eindrücklich war für mich natürlich, als ich zum allerersten Mal auf Grabung in Ägypten war, in Dra‘ Abu el-Naga, und dort das allererste Objekt aus dem archäologischen Kontext geborgen habe. Das war ein Grabkegel des Min-Month. Grabkegel sind gebrannte Tonobjekte, die nur in Theben vorhanden sind und ursprünglich Elemente der Grabarchitektur waren. Später trugen sie Inschriften und sollten vermutlich Grabgrenzen markieren. Wir haben diesen Grabkegel aus dem Schutt geholt und dann in den Händen gehalten. Und auf der Oberfläche konnte man noch die Fingerabdrücke der Person, die dieses Objekt gefertigt hat, sehen. Wie viel näher kann man einer Person kommen, die vor dreieinhalb Jahrtausenden dieses Objekt gefertigt hat, als wenn man noch die im feuchten Ton hinterlassenen Fingerabdrücke sieht? Ich glaube, das ist auch das, was ich in meiner weiteren Bearbeitung immer so spannend finde: dass ich den Personen näherkommen kann, die hinter diesen Objekten stehen. Was wir uns zu selten klar machen, ist, dass diese Objekte Ergebnisse von Entscheidungsprozessen sind, Entscheidungsprozessen von individuellen Personen, Personen wie du und ich. Auch die Fragen, welche Objekte man zum Beispiel mit in sein Grab genommen hat oder wie sie ausgesehen haben – natürlich immer in bestimmten Rahmen und Kontexten – sind Entscheidungsprozesse, die manchmal vielleicht praktischer Natur waren oder manchmal finanzielle Gründe hatten. Aber es sind Entscheidungsprozesse, hinter denen Individuen stehen. Deswegen war diese erste Begegnung mit dem Objekt, das Zeugnis eines Individuums ist, für mich so beeindruckend.

Grabkegel des Basa im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst München (ÄS 372)
© SMÄK, Foto: Roy Hessing

Etwas Spezielles war auch, als ich 2018 zum ersten Mal mit meinem damals einjährigen Sohn und gemeinsam mit meinem Mann und meinem Vater auf Grabung gefahren bin. Während ich auf der Grabung gearbeitet habe, waren die beiden für die Betreuung meines Sohnes verantwortlich. Das war natürlich etwas ganz Besonderes, dass es mir möglich war, auch als Mutter meinem Beruf nachzugehen und das erleben zu können. Auch durch die Unterstützung des ganzen Teams, das das mitgetragen hat und vor Ort mit meinem Sohn und uns quasi als große Familie gelebt hat. Mein Sohn hat einfach mitgemacht. Ich glaube, dass seine Faszination für Steine aus diesem Kontext stammt, auch wenn er sich heute, mit acht Jahren, leider nicht mehr daran erinnern kann, was er selbst sehr bedauert. Er war in dieser Gruppe gut aufgehoben und hat sich da auch wohlgefühlt. Es war auch ein Rahmen, den ich vorher schon kannte. Ich wusste, dass es funktionieren würde.

Der Vorteil der vielfältigen Quellen der Ägyptologie

EK: Was uns auszeichnet und besonders macht, ist die Diversität der Quellen, die sich manchmal auch ergänzen und teilweise gut miteinander in Verbindung bringen lassen. Wir haben archäologische Objekte mit ihrem Kontext, wir besitzen Inschriften, und wir haben Bilder. Eingangs hatte ich gesagt, Archäologie ist Spurensicherung, und genau hier haben wir unterschiedliche Spuren, die wir miteinander in Verbindung bringen können. Das ist ein großer Vorteil, weil man unterschiedliche Spuren aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten kann. Aber ich sehe die Chance, das in Zukunft noch stärker in den interdisziplinären Rahmen einzubetten, als es ohnehin schon passiert. Zum Beispiel naturwissenschaftliche Methoden heranzuziehen, in dem Rahmen, in dem es möglich ist. In Ägypten ist es nicht immer einfach, diese Maßnahmen durchzuführen. Ich denke, es wäre ein Plus, wenn wir uns nicht nur das Objekt, seinen Kontext, seine Darstellungen und Inschriften ansehen, sondern durch Analysen zum Material, zur Herkunft des Objektes und vielleicht auch zu dessen Datierung noch viel mehr erfassen könnten als mit diesen ‚herkömmlichen‘ Quellen, die ohnehin schon viel bieten.

EK: Ich würde sagen, das funktioniert unter bestimmten Voraussetzungen. Die Gräber, die ich mir angesehen habe, hatten den Vorteil, dass sie intakt waren. Das bedeutet, dass kein Objekt bis zur Ausgrabung entfernt wurde und wir somit ein ziemlich gutes Gesamtbild dieser Grabausstattung haben. Die Bilder oder die Texte, die wir haben, stammen nicht immer aus derselben Zeit wie die Objekte. Da muss man schauen, inwieweit sich Bild, Text und Objekt miteinander in Verbindung bringen lassen. Gerade im Zusammenhang mit der Bestattung oder dem Begräbnisritual können wir auf eine relativ lange Kontinuität bestimmter ritueller Handlungen schließen. Wir haben gewisse Rituale im archäologischen Kontext schon sehr früh belegt. Diese tauchen dann in Bildern und Texten späterer Zeit wieder auf. Die funeräre Kultur ist ziemlich lange stabil greifbar, setzt aber eine gewisse Idealisierung voraus. Der Frage, ob das tatsächlich auch immer exakt so durchgeführt wurde oder wir hier die Idealisierung eines gewünschten Zustandes haben, muss man sich stets bewusst sein. Aber auch das sagt etwas darüber aus, warum diese Personen die Entscheidung getroffen haben, dieses oder jenes Objekt mitzugeben oder einen bestimmten Text auf ihren Sarg schreiben zu lassen. Selbst wenn es nur der Wunsch war, dass Bilder und Texte wirksam wurden.

„Die Beschäftigung mit unterschiedlichen Quellen ist nützlich für das kritische Denken.“

EK: Die Ägyptologie ist in puncto Quellen sehr vielseitig. Mit Blick auf kritisches Denken, kritische Selbstreflexion und kritisches Analysieren ist es auf jeden Fall nützlich, sich mit unterschiedlichsten Quellen – Bilder, Texte, Objekte – zu beschäftigen. Das bietet die Ägyptologie. Sie bietet auch die Möglichkeit, in einem relativ stabilen geografischen Rahmen bestimmte Phänomene über einen sehr langen Zeitraum hinweg zu erfassen. So kann die Entwicklung einer Gesellschaft im Spiegel der Gegebenheiten der Natur, der Umwelt betrachtet werden – in einem gut fassbaren, geschlossenen Kontext. Und gerade mit Blick auf die Wissenschaftsgeschichte ist es ausgesprochen wichtig, dass wir uns mit der Fachgeschichte auseinandersetzen. Unter welchen Bedingungen, Umständen und politischen Kontexten haben Wissenschafter:innen ihre Forschung betrieben? Inwieweit hatten gesellschaftliche und politische Umstände auch Einfluss auf ihre Arbeit und Arbeitsweise? Hinsichtlich der akademischen Freiheit ist es beispielsweise mit Blick auf die aktuellen Entscheidungen der US-Regierung unter Präsident Donald Trump und die damit zusammenhängenden Auswirkungen auf die Forschung wichtig, sich das zu vergegenwärtigen. Solche Situationen gab es in der Vergangenheit immer wieder. Da können wir auch sehen, wie einzelne Personen damit umgegangen sind, welche Möglichkeiten es da gab, und worauf wir heute achten müssen, um Lösungen zu finden, damit wir so wissenschaftlich arbeiten können, wie wir das möchten und wie es uns wichtig ist.

EK: Ich finde es wichtig, KI in der Lehre einzusetzen, um genau dieses kritische Denken dem gegenüberzustellen, was KI leistet, und um für einen reflektierten Umgang mit KI zu sensibilisieren. KI ist da und wir müssen uns damit auseinandersetzen. Sie bietet auch Möglichkeiten. Es gibt durchaus positive Aspekte der Nutzung von KI, aber es darf nicht unreflektiert geschehen. Man muss genau wissen, wofür man diese Methoden einsetzt, und sich bewusst sein, dass dabei keine Denkprozesse stattfinden. Wir haben es mit Wahrscheinlichkeiten zu tun, die eine Maschine wiedergibt. KI kann niemals menschliches Denken, Beurteilen und Interpretieren ersetzen. Das müssen wir im Unterricht intensiv thematisieren und Ergebnisse, die uns KI liefert, nutzen, um zu zeigen, wo die Schwächen liegen oder wie wir das, was da ausgespuckt wird, in einen wirklichen wissenschaftlichen Kontext setzen können.

EK: KI ist zum Beispiel sehr nützlich beim Übersetzen von wissenschaftlichen Texten. Es gibt viele Bereiche, die uns bisher eher verschlossen blieben, weil sie in der jeweils eigenen Muttersprache publiziert sind. Ich kann zum Beispiel keine kyrillischen Buchstaben lesen. Artikel in eine andere Sprache zu übersetzen oder auch Artikel in einer anderen Sprache in die eigene zu übersetzen, ist ein positiver Aspekt. Oder in Bezug auf Bilderkennung: Man kann mit KI eine riesige Anzahl an Darstellungen, Objekten oder Texten durchscannen lassen, um nach visuellen Ähnlichkeiten zu suchen und dann Vergleiche vorzunehmen. Da sind Bild- oder Schrifterkennung gute und sinnvolle Einsatzgebiete für KI.

EK: Offen gesagt ziemlich wenig. Ich habe es als große Chance gesehen, hierher nach Wien zu kommen. Mir war von Anfang an bewusst, dass mein Vertrag vier Jahre läuft. Das ist auch okay so. Und ich finde, dass auch weitere Kolleg:innen diese Chance haben sollten. Ich würde mir aber wünschen, dass es am Ende einer solchen befristeten Anstellung mehr Perspektiven gibt, die darüber hinaus gehen, etwa selbst einen Projektantrag zu schreiben – was ich getan habe. Ich betreibe jetzt über 20 Jahre Ägyptologie und hätte nicht gedacht, dass es so hart ist, im Fach zu bleiben, und dass diese Unsicherheit gerade ab einem gewissen Zeitpunkt in der Karriere und natürlich auch im Familienleben so belastend sein kann. Das finde ich schade und frustrierend. Ich bin mit einer gewissen Naivität gestartet, mit viel Idealismus, mit ganz viel Begeisterung. Die habe ich auch nach wie vor! Wenn ich ein Objekt oder eine Parallele finde, wenn ich mit den Studierenden die Grabkegel diskutiere, dann weiß ich, dass die Ägyptologie das Richtige für mich ist.

Das Interview führten und bearbeiteten Constanze Seuchter und Fritz Blakolmer.

Lesetipps

Jan Assmann, Stein und Zeit. Mensch und Gesellschaft im alten Ägypten (München 1991).

Marianne Eaton-Krauss, Bernard V. Bothmer. Egyptologist in the making, 1912 through July 1946: with Bothmer’s own account of his Escape from Central Europe in October 1941 (Münster 2019).

Elisabeth Kruck, Skizzenbuch mit Zeichnungen von Simon Leo Reinisch. Beschreibung eines Ausstellungsstücks aus der Ausstellung zu den Jubiläen der Wiener Ägyptologie in der Rubrik „Objekt des Monats“ der Sammlungen an der Universität Wien.

Katharina Vogt, Meir: die Nekropole im Mittleren Reich. Eine Archivgrabung (Leuven; Paris; Bristol, CT 2024)